Dienstag, 22. März 2011

Schach in der Literatur ‒ "End Play" (Harry Kemelman)

"End Play" (1950) aus der Krimirätselsammlung "The Nine Mile Walk" ist eine Geschichte, in der Schach eine hervorgehobene Rolle spielt. Der Leser ist bei dieser Sammlung aufgefordert, an der Lösung der Fälle selbst mitzuwirken, und bei dieser Geschichte "hilft es Ihnen ein wenig, wenn Sie Schach spielen" [1].

Inhalt:

Professor McNulty spielt in dem Arbeitszimmer seines Hauses mit seinem Kollegen Professor Albrecht eine Partie Schach, als er plötzlich mit der Begründung aufsteht, es hätte an der Tür geklingelt. Er geht in die Diele und dann hört man einen Knall. Albrecht sieht nach einer Weile nach ihm (er hatte den Schuss für eine Autofehlzündung gehalten) und findet den erschossenen McNulty auf dem Boden liegend.
Frage: Wer hat McNulty erschossen, oder war es Selbstmord?
(Es ist zu beachten, dass sich der Ablauf der Ereignisse allein auf die Aussage Albrechts stützt.)

Die Polizei hat ein Foto vom Arbeitszimmer gemacht, auf dem auch die Stellung der Schachpartie zu sehen ist, die McNulty und Albrecht gespielt haben:

Die Spielstellung war deutlich zu erkennen, und die geschlagenen schwarzen und weißen Figuren lagen alle in einem Haufen auf der einen Seite des Brettes.
[...]
Die Figuren und ihre Stellungen erinnerten mich an ein bestimmtes Spiel. Dann hatte ich es. "Er hat das Logan-Asquith-Gambit gespielt! Und sogar ganz ausgezeichnet."
"Nie gehört", sagte Nicky.
"Ich kannte es auch nicht, bis McNulty es mir letzte Woche im Universitätsclub gezeigt hat. Er war in Lowensteins "Endspiele" darauf gestoßen. Es wird nur ganz selten gespielt, weil es eine riskante Eröffnung ist."

Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass es weder das Logan-Asquith-Gambit noch einen bekannten Schachspieler namens Lowenstein gibt.
Ein grober Fehler unterläuft Kemelman, wenn er der Meinung ist, man könne anhand einer Stellung beurteilen, wie die Partie vorher verlaufen ist. Auch ist es unwahrscheinlich, dass ein Eröffnungsgambit in einem Endspielbuch behandelt wird.

Aber darauf kommt es in der Geschichte nicht an, wie der Protagonist Nicky Welt feststellt:

"Ich habe nicht über die Figuren auf dem Brett nachgedacht, sondern über die n e b e n dem Brett - über die, die genommen worden sind."
"Und was ist damit?"
"Sie liegen alle auf einer Seite des Brettes, die schwarzen und die weißen."
"Ja, und?"
"Du spielst Schach, wie du schreibst oder Tennis spielst. Bist du Rechtshänder, ziehst du mit der rechten Hand; ebenso schlägst du die Figuren deines Gegners mit der rechten Hand und legst sie neben das Brett. Wenn zwei Rechtshänder wie McNulty und Albrecht miteinander spielen, dann endet die Partie damit, dass die schwarzen Figuren, die Weiß genommen hat, rechts liegen, und die weißen, die Schwarz genommen hat, diagonal entgegengesetzt auch wieder rechts vom Spieler liegen." [...] "Wenn ein Linkshänder einem Rechtshänder gegenübersitzt", fuhr Nicky fort, "dann werden alle geschlagenen Figuren auf einer Seite des Brettes liegen - aber natürlich voneinander getrennt, die schwarzen liegen dicht bei Weiß und die weißen dicht bei Schwarz. Jedenfalls liegen sie bestimmt nicht wirr auf einem Haufen wie auf der Fotografie."

Die Beobachtung, die Nicky Welt macht, ist scharfsinnig und richtig, wobei die Figuren nicht "liegen", sondern "stehen" (hier könnte es sich um einen Übersetzungsfehler handeln). Welt kommt zu der Schlussfolgerung, dass die Stellung nicht durch ein Spiel entstanden ist, sondern aufgebaut wurde, und zwar von Albrecht, nachdem er McNulty erschossen hatte. Eine Schachpartie zwischen den beiden fand gar nicht statt:

"Ich meine", sagte Nicky, "dass Professor Albrecht ungefähr um acht Uhr an McNultys Haustür klingelte, und dass er, als McNulty ihm aufmachte, die Pistole gegen seine Brust presste und abdrückte. Danach gab er dem Toten die Pistole in die Hand, stieg über die Leiche und stellte in aller Ruhe die immer paraten Schachfiguren nach dem Diagramm eines der vielen Schachbücher von McNulty auf das Brett. Es war die Partie eines Experten; vermutlich stammt sie von Lowenstein."

Hier taucht wieder der Fehler auf, dass man anhand einer Stellung nicht auf den Partieverlauf schließen kann. Es ist auch unwahrscheinlich, dass ein geübter Schachspieler eine Stellung aus einem Buch aufbaut. Er könnte sich ohne Mühe selbst eine realistische aus den Fingern saugen.

Resümee aus schachlicher Hinsicht:

In "End Play" tauchen die üblichen schachtechnischen Fehler auf, die einen Vereinsspieler zur Weißglut bringen. Die Pointe mit den falsch stehenden geschlagenen Figuren ist allerdings äußerst gelungen und auch technisch richtig.

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[1] Die Zitate stammen aus der deutschen Übersetzung von Edda Janus. Leider liegt mir der amerikanische Originaltext nicht vor. Janus hat den Titel "End Play" mit "Die letzte Partie" übersetzt, was nicht zutreffend ist, wenngleich es durchaus einen Sinn ergibt. Es ist zu befürchten, dass diese Freizügigkeit der Übersetzung auch andere Teile des Textes betrifft.

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Kommentare:

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